Die Wirtschaft liegt am Boden. Seit Jahren schon. Die Lösung des Problems, die uns von regierenden Politikern vorgeschlagen wird: Wir müssen mehr arbeiten.
Oje. Als Ursache der Flaute hatte ein Flügel der CDU die Arbeitsunwilligkeit der Deutschen ausgemacht.
Wenn wir mehr arbeiten, produzieren wir mehr, das ist schon richtig. Aber werden deswegen auch mehr Leute diese Produkte kaufen? Oder werden bei Mehrproduktion bei gleichbleibender Nachfrage nach der Überproduktion die Preise sinken, gleichzeitig die zusätzlichen Lagerkosten die Firmen belasten und so wie ein Bumerang die schöne Allzwecklösung zur Wirtschaftsbelebung ad absurdum führen?
Nur mal so in die Runde der mitlesenden Politiker gefragt. Gibt es wirklich diese weltweite Nachfrage nach deutschen Produkten, die wir aus Gründen der Faulheit einfach nicht bedienen können, und geht es deshalb der deutschen Wirtschaft so schlecht?
Tatsächlich ist die Idee, mehr zu arbeiten, in mehreren Hinsichten kurzsichtig, ja kontraproduktiv. Sie erinnert ein wenig an die frühkapitalistische Zeit, als es hieß, man muss die Arbeiter ordentlich an die Kandare nehmen, dann kommen sie nicht auf dumme Gedanken.
Hand hoch, wer sich an die Eureka Geschichte erinnert.
Zugegeben, die Geschichte ist wahrscheinlich erfunden, dennoch hielt man sie lange Zeit für wahr, und warum sollte sie es nicht sein? Dergleichen Erlebnisse und Phänomene werden von überall berichtet. In der hier gemeinten wurde Archimedes von König Hieron aufgetragen, festzustellen, ob seine Krone tatsächlich aus purem Gold bestand oder der Goldschmied einen Teil des Goldes durch Silber ersetzt hatte. Die Krone einzuschmelzen und neu zu schmieden war jedoch keine Option, da das Schmuckstück bereits den Göttern geweiht war.

Die Lösung des Rätsels erkannte Archimedes vermittels eines Geistesblitzes, den er in der Badewanne hatte. Es fiel ihm auf, dass sein Körper Wasser verdrängte, so dass es über den Rand aus der Wanne floss. Wie die Legende sagt, soll Archimedes ob seiner genialen Eingebung vor Freude aus der Wanne gesprungen und nackt nach Hause gerannt sein, laut »Heureka, heureka« schreiend, was »Ich hab‘s gefunden!« bedeutet.
Die Lösung war das Archimedes-Gesetz. Nach diesem Gesetz verdrängen Objekte aus dem gleichen Material und mit dem gleichen Gewicht auch die gleiche Menge Wasser. Archimedes musste also einen Goldklumpen finden, der genauso schwer ist wie die Krone. Wenn der Goldklumpen weniger Wasser verdrängt hätte als die Krone, wäre der Krone Material hinzugefügt worden und es hätte sich um Betrug gehandelt. Und wie sich herausstellte, hat der Goldklumpen tatsächlich weniger Wasser verdrängt und der Goldschmied hat uns also angelogen.
Eine vergleichbare Geschichte dreht sich um die Entdeckung des Benzolrings durch den deutschen Chemiker Friedrich August Kekulé.

In einer Rede anlässlich des 25-jährigen Jubiläums berichtet er
„Ich drehte den Stuhl nach dem Kamin und versank in Halbschlaf. Wieder gaukelten die Atome vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten sich diesmal bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch wiederholte Gesichte ähnlicher Art geschärft, unterschied jetzt grössere Gebilde von mannigfacher Gestaltung. Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; Alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfasste den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich; auch diesmal verbrachte ich den Rest der Nacht um die Consequenzen der Hypothese auszuarbeiten.“
Diese Erkenntnis wäre ihm vermutlich bei mehr Arbeit, mehr Anstrengung, mehr Stress nicht, oder wenigstens nicht so schnell gekommen. Was er wohl vom Begriff der Lifestyle-Teilzeit der Vorsitzenden der CDU Mittelstandsunion Gitta Connemann gehalten hätte?
Wenn es um schlaue Gedanken geht, scheint demnach weniger Arbeit schnellere und bessere Ergebnisse zu liefern. Lässt sich das irgendwie wissenschaftlich untermauern? Es lässt.
In den Jahren 2015 bis 2019 untersuchte man die Auswirkungen einer kürzeren Wochenarbeitszeit auf immerhin 1% der arbeitenden Bevölkerung Islands. Es nahmen 2500 Arbeitende aus allen möglichen Branchen an dieser Studie teil und schalten auf eine 35 oder 36 Stundenwoche herunter. Ihre Produktivität blieb dabei gleich oder stieg sogar. Hier führte also die Reduktion der Arbeitszeit besseren Ergebnissen. Gleichzeitig besserte sich die allgemeine Stimmungslage und der Gesundheitszustand der Probanden, was die krankheitsbedingten Ausfallzeiten zurückgehen ließ und damit die Kosten für ärztliche Behandlungen senkte. Weiterhin gingen durch die Arbeitszeitverkürzung Energie-, Bürobedarfs- und andere Kosten zurück, was die Wirtschaft weiter entlastete. Inzwischen arbeiten in Island 86% der Bevölkerung bei gleichem Lohn kürzer, ohne dass dies der Volkswirtschaft geschadet hätte, weil effizienter.
Vergleichbare Studien wurden anschließend in Spanien und Neuseeland durchgeführt. 20% weniger Arbeit bei gleichem Lohn scheint, auch wenn es auf den ersten Blick kaum einleuchtet, allen zu helfen, den Arbeitenden und der Ökonomie.
Die Idee hinter dem diskriminierenden Begriff Lifestyle-Teilzeit könnte nach alledem das Resultat von zu viel Arbeit sein. Einer dieser dummen Gedanken, die durch Mehrarbeit doch eigentlich eingedämmt werden sollten.
Das Konzept „weniger ist mehr“ ist leider noch nicht allen geläufig.
Studien zeigen, dass Mobbing am Arbeitsplatz die Wirtschaft stark schädigt. Die Gründe dafür sind: mehr Fehltage, weniger Produktivität und Kosten für neue Mitarbeiter. Eine Herabsetzung der arbeitenden Bevölkerung durch abwertende Begriffe wie „Lifestyle-Teilzeit“ schadet der Wirtschaft durch Entmutigung der Arbeitenden und vermindert Effizienz in den Arbeitsabläufen. Führt also genau zu dem, was sie doch verhindern möchten.
Schreibt einer, in dessen Land Niederlande etwa 10% mehr Leute Teilzeit arbeiten als in Deutschland und trotzdem eine solche Diskussion undenkbar ist. Oder vielleicht gerade deshalb?

